Einklang als Hörerlebnis
Kammerkonzert Klavierduo Monakh/Bringuier
im Joseph-Joachim-Konzertsaal Berlin

Musikalische Begabung und materielle Ressourcen stehen bei Musikstudenten selten von Anfang an im Einklang. Sehr viel häufiger hat ein offenkundiges musikalisches Talent zunächst nicht die wirtschaftliche Basis, um sich ohne Existenznot der künstlerischen Entwicklung widmen zu können. Hier springen Stiftungen und Stipendiengesellschaften wie die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft ein, die Spendengelder sammeln und sie zur Unterstützung Hochbegabter in Form von Stipendien einsetzen.

Beim jüngsten Kammerkonzert zugunsten der Nachwuchsförderung an der Berliner Universität der Künste vereinte sich das renommierte Klavierduo Olga Monakh und Nicolas Bringuier mit Stipendiaten der Hindemith-Gesellschaft für ein facettenreiches Programm aus Klassik, Romantik und Spätromantik. Olga Monakh ist vor Jahren selbst Hindemith-Stipendiatin gewesen. Der lebhafte Publikumszuspruch im Joseph-Joachim-Konzertsaal, vom Vorsitzenden Prof. Wolfgang Boettcher in seinem Grußwort besonders gewürdigt, bestätigte sowohl das breite Verständnis für die Ziele der Stipendiengesellschaft als auch die hohen Erwartungen an das künstlerische Niveau der Veranstaltung.

An den Anfang stellt das Klavierduo-Ehepaar Ludwig van Beethovens "Acht Variationen über ein Thema des Grafen von Waldstein" WoO67 aus dem Jahre 1792. Für das vierhändig gesetzte Stück nimmt sie links vor dem Flügel Platz, er rechts neben ihr. Eine Reihe von Abwandlungen als Ouvertüre: Springlebendig-Heiteres neben Nachdenklich-Ruhigem: Farbenreiche Brillanz, bisweilen sprunghaft angesteuert, dann wieder bedachtsam hereingeführt. Beide Pianisten erreichen einen rasch gefundenen und dann präzise durchgehaltenen Einklang.

Ebenfalls vierhändig folgt dann Franz Schuberts "Grande Sonate B-Dur" op. 30 D 617 aus dem Jahre 1818. Nun sitzt Bringuier links vor der Tastatur, seine Frau neben ihm. Diese Vortragsweise hat überdies den Vorzug, dass sich beide beim Umblättern der Noten abwechseln können. Das "Allegro moderato" erklingt ausdrucksvoll und mit liedhaftem Duktus, genussvoll geläufig und vor geheimnisvollem Hintergrund. Klarer und feinfühlig dosierter Pianoklang mit blitzend aufgesetzten Lichtern. Im "Andante con moto" ist das Thema wieder eine Erzählung im Liedton, sehr farbig gestaltet und quasi im Dialog der beiden Pianisten verarbeitet. Olga Monakh hat mit den oberen Tonlagen den angenehmen Part der brillanten Illustration. Das "Allegretto" ist sehr lebhaft und demonstriert bestes Einvernehmen. Wieder darf Olga mit perlenden Läufen glänzen, während ihr Gatte sich mit den rhythmischen Akzenten begnügt.

Robert Schumanns "Andante con variazioni für zwei Klaviere, zwei Celli und Horn" op. 46 aus dem Jahre 1843 ist infolge der ungewöhnlichen Besetzung relativ selten zu hören. Olga Monakh sitzt rechts am Flügel, Nicolas Bringuier ihr gegenüber am zweiten Flügel. Vor den beiden sind die Streicher und das Horn platziert: Dina Bolshakova und Victoria E. Lomakova spielen Cello, die Hornistin ist Adrienne Nagy. Celli und Horn eröffnen mit einer stimmungsvollen Grundierung, die Nicolaus Bringuier mit Verzierungen versieht. Dann ein schönes Zusammenspiel von Horn und beiden Celli, von den Pianisten sehr feinfühlig mit illustrativen Läufen überfangen: ein klanglich hervorragend eingestimmtes und abgestimmtes Ensemble.

Ein schönes Schumannsches Marschthema reichen sich die beiden Flügel gegenseitig zu. Das bemerkenswert rein intonierende Horn liefert mit den Celli den harmonischen Fond. Sehr klangsinnig im Vortrag, satt und stimmungsvoll in der Farbgebung. Dann eine wunderbar lebhafte Variation, in der die Flügel einander ablösen. Darauf ein Jagdmotiv des Horns, vom Klavier kraftvoll erwidert, mit Annotationen der Celli, festlich im Ton. Darauf beide Celli im Wechsel mit den Klavieren. Der Klangcharakter scheint bisweilen mit Brahms verwandt.

Nach der Pause geht es mit Kompositionen für zwei Klaviere weiter. Olga Monakh sitzt jetzt links, am Flügel mit aufgeklapptem Schalldeckel, Nicolas Bringuier am rechts stehenden Instrument. Zunächst der russische Komponist Anton Arensky, der Professor am Moskauer Konservatorium war und ein Lehrer der beiden folgenden Komponisten Scriabin und Rachmaninoff. Arenskys Suite Nr. 15 aus dem Jahre 1884 beginnt mit einem "Allegretto" etwas elegisch im Stile Chopins, ein Flügel antwortet dem anderen in einem sehr reizvollen Dialogstil, der wieder das beliebte Muster der Variation aufnimmt. Im Satz "Valse" klingt es ein wenig nach Erik Satie, ein schwungvolles und überaus dynamisches Walzerthema, dessen virtuose Drehungen in grösster Leichtigkeit ausgeführt werden. Herrlich melodieselig das Ganze, wobei sich die perlende Spieltechnik des Pianistenduos exzellent ergänzt. Die "Polonaise" eröffnet mit einem grandios auftrumpfenden Einsprung, von Glanz und Feuer bestimmt. Wieder schaut Chopins Geist von einem Wandgemälde herab. Wie ein Frühlingssturm fegt die pianistische Verve mit brausender Souveränität durch den Saal.

Bei Alexander Scriabins Fantasie a-moll op. posth. von 1889 sind die Themen etwas nachdrücklicher und bedeutungsschwerer formuliert, lösen sich dann wie aufsteigender Rauch vom Fundament und beginnen einen bezaubernden Schwebeflug. Die Leidenschaft steigert sich, dann wird das Thema in grossen Akkorden weiter geführt. Später ganz leicht aneinander gereihte Perlenschnüre, dann wieder punktgenaue, im Wechsel hart gefügte Einsätze. In rasendem Tempo geht's dem Ende zu.

Von Sergei Rachmaninoff stammt die Tschaikowsky gewidmete "Fantaisie (Tableaux)" op. 5 aus dem Jahre 1893 . Im Satz "Barcarolle" kommt die Wellenbewegung vom linken Flügel, die Spiegelungen werden rechts aufgesetzt. Der schwelgerische Duktus wird von beiden getragen. Ein stolzes Schiff gleitet auf Klangwogen leicht dahin. Das Blitzen und Plätschern illustriert das Spiel mit Wasser, Wind und Sonne. "La nuit, l'amour" bringt vor nachtblauem Horizont ein gefühlvoll ausgreifendes Thema, dessen dramatische Intensität die Dominanz der Empfindungen beschreibt. Beide Klaviere in markanter Ausdrucksharmonie, die unüberhörbar einem Höhepunkt zustrebt und danach wieder abklingt. "Les larmes" serviert ein wiederholtes Motiv, dem einzelne Tränen zu entfallen scheinen. Wieder eine klanglich sehr schön abgestimmte Ergänzung der beiden Flügel, die sich zu einem bekenntnishaften Ton steigert, der tröstlich verklingt. "Pâques" beginnt mit einem Thema wie eine Folge von Glockenrufen, das durch verschiedene Tonlagen wandert und dabei seinen zugleich feierlichen, eindringlich-deklamatorischen Charakter stets beibehält.

Für den buchstäblich jauchzenden Applaus bedankt sich das Duo mit der "Armenischen Rhapsodie", komponiert 1950 vom Armenier Arno Babadschanjan. Dann gibt es, wie schon vor der Pause, die traditionellen Dankeschön-Rosen von Hindemith-Beirätin Jutta von Haase, diesmal überreicht vom kleinen Sohn des gastierenden Klavierduos. Er gewinnt die Herzen des Publikums, als er anfangs sämtliche Blumen ausschliesslich seiner Mutter überreichen will.

27.02.2015, Horst Rödiger